Göttliche Bilder

Byzantinische Ikonenmalerei

„The oldest known icon of Christ, 6-7th C“ (1)

4. – 15. Jahrhundert

Byzantinische Ikonenmalerei – wenn Gläubige streiten

Die byzantinische Ikonenmalerei lässt sich hinsichtlich der Maltechnik in zwei Perioden unterteilen. Während die frühen Ikonen aus dem 8. Jahrhundert hauptsächlich in Enkaustik umgesetzt werden, sind die jüngeren Bilder in der sehr viel einfacher zu handhabenden Temperatechnik gemalt. Die Enkaustik zeichnet sich durch in Bienenwachs eingeschlossen Farben aus, die warm auf einen Holzuntergrund aufgetragen werden. Dieses Verfahren garantiert die langlebigen und heute noch strahlenden Farben. Und dennoch sind heute nur noch wenige enkaustische Ikonen zu bestaunen. Die Tätigkeit der Ikonenmaler wurde auf dem ikonoklastischen Konzil von Hiereia im Jahre 754 aufs Schärfste verurteilt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Beschlüsse dieses Konzils verheerende Folgen für die Ikonenproduktion in Byzanz hatten und möglicherweise sogar den Niedergang der enkaustischen Technik besiegelten. Beweisen lässt sich das allerdings nicht. Fakt ist, dass die Ikonen, die nach dem Ende der ikonoklastischen Krise in zunehmenden Umfang hergestellt wurden, alle in Tempera gemalt wurden.

Fünf Fakten – Die Ikonenmalerei

Das Wort „Ikone“ leitet sich aus dem altgriechischem eikón für „Bild“ ab. Interessanterweise verwendete die griechische Sprache ein und dasselbe Wort für “malen” und “schreiben” (graphein). Das Verfassen von Texten und die Herstellung von Ikonen waren also in der Sprache schon als eine und dieselbe Tätigkeit dargestellt. Die „Bildschreiberei“ wurde nicht als kreative Kunst angesehen, sondern eher als religiöses Handwerk und blieb daher traditionell ohne Signatur.

1. AUF GUTEM GRUND
Die Tradition der Ikonenmalerei beschränkt sich nicht auf das Medium der Holztafel. Besonders in Kirchen können wir noch heute prachtvolle Fresken und Mosaike bestaunen, die in der Bildtradition der Ikonenmalerei stehen.

2. AM BESTEN HEISS
Im Gegensatz zu der viel leichter handhabbaren Temperatechnik verlangt die Anwendung der enkaustischen Technik ein hohes Maß an Kunstfertigkeit. Mit Öl versetztes Wachs wird mit Farbpigmenten vermischt und entweder kalt mit heißen Werkzeugen auf der Malfläche eingebrannt oder heißflüssig mit Pinseln aufgestrichen und während des Erkaltungsprozess formgebend modelliert. Pinsel, Spachtel und spitze Gegenstände hinterlassen beim Modellieren der Gesichter ihre Spuren und machen ihre Herstellung bis heute nachvollziehbar.

3. NACH ALLEN REGELN DER KUNST
Die Ikonen wurden nicht von den Malern “erfunden” oder “kreiert”, sondern nach dem strengen Bilderkanon ausgeführt, an dessen Vorgaben sich jeder Maler zu halten hatte. Beispielsweise wurde eine Christusikone entweder mit einem Kreuznimbus kenntlich gemacht oder dem einzigartigen Handgestus. Die sich berührenden Finger stehen symbolisch für die beiden Naturen, die Jesus in seiner Person oder Hypostase vereint, das Göttliche und das Menschliche. Drei ausgestreckten Finger stehen für die Trinität.

4. BEDEUTENDE PERSPEKTIVE
Für unser modernes Auge erscheinen die byzantinischen Abbildungen „verschoben“. Im Gegensatz zu einer Zentralperspektive, folgen die einzelnen Elemente einer Erzähl- oder Bedeutungsperspektive – die Vogel- und Frontalperspektive etwa sind in einem Bild vereint. Denn im Zentrum steht, die Aspekte klar dazustellen, die für die Übermittlung des Inhaltes besonders wichtig sind – ohne Rücksicht auf eine illusorische Tiefenwirkung.

5. GÖTTLICHES LICHT
Die Ikonenmalerei verbreitete sich – räumlich wie zeitlich – über Byzanz hinaus. Besonders auffällig sind die goldenen Hintergründe vieler Ikonen. Allen anderen Farben benötigen Licht, um aufzuleuchten und können daher das Licht nicht repräsentieren. Gold jedoch steht für das Licht selbst. Das Licht wird hier als das die gesamte Schöpfung durchdringende und zum Leben erweckende göttliche Prinzip interpretiert. Die auf dem goldenen Hintergrund angebrachten Figuren entstehen demnach aus einem sie umschließenden Ozean des göttlichen Lichts.

Detail aus „The oldest known icon of Christ , 6-7th C.” (2)

“Jerusalem, Israel: The Peter Diswons Jesus, Icon in Church of St. Peter in Gallicantu.” (3)

“Mosaik from Ravena shows the Empress Aelia Eudokia Augusta (401-460) with her Byzantine court (4)

EINE ZEITREISE DURCH DIE KUNSTGESCHICHTE

Bildquellen:

1: „The oldest known icon of Christ, 6-7th C“ © www.BibleLandPictures.com/Alamy Stock Foto
2: Detail aus „The oldest known icon of Christ, 6-7th C“ © www.BibleLandPictures.com/Alamy Stock Foto
3: “Jerusalem, Israel: The Peter Diswons Jesus, Icon in Church of St. Peter in Gallicantu.” © jozef sedmak /Alamy Stock Foto
4: “Mosaik from Ravena shows the Empress Aelia Eudokia Augusta (401-460) with her Byzantine court”
a: Lucas Cranach d. Ä. „Ungleiches Paar (Der alte Buhler)“. © bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlungen
b: Franz Marc „Ställe“ 1913. © bpk / The Solomon R. Guggenheim Foundation / Art Resource, NY
c: Gustav Klimt „Portrait of Adele Bloch-Bauer I” 1907. © John Baran / Alamy Stock Foto.
d: Detail aus „The oldest known icon of Christ, 6-7th C“ © www.BibleLandPictures.com/Alamy Stock Foto
e: Ausschnitt aus Hendrick Avercamp: Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern, ca. 1608 © Peter Horree / Alamy Stock Photo
f: Ausschnitt aus William Turner, The Burning of the Houses of Parliament, 1834 © World History Archive / Alamy Stock Photo
g: Ausschnitt aus Caspar David Friedrich, Wanderer im Nebelmeer, 1818. © Pictorial Press Ltd / Alamy Stock Photo
h: Ausschnitt aus Jan Vermeer „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“, 1557 © Archivart / Alamy Stock Photo