Es lebe der Alltag

Goldenes Zeitalter

Ausschnitt aus Jan Vermeer „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ (h)

17. Jahrhundert

Goldenes Zeitalter – Der neue Alltag im Licht von Vermeer

Während in den klerikal und feudal geprägten Regionen Europas der Barock seine üppigen Blüten treibt, entwickelt sich in den Niederlanden andere, nüchternere Stilrichtung. Sie findet ihre Motive im Alltag einer wachsenden Mittelschicht, die in der jungen, toleranten und weltoffenen Republik, mit ihrem florierenden Handel zu Wohlstand kommt. Sie sehnt sich nach Motiven aus dem eigenen erfolgreichen Leben und weckt so eine nie gesehene Nachfrage nach Kunst: Hunderte Maler produzieren wie am Fließband Genrebilder, Porträts, Stillleben und anderen Gattungen. Anders Jan Vermeer. Von ihm sind nur 37 Gemälde bekannt, überwiegend absolute Meisterwerke. Ihr Geheimnis liegt in der anmutigen Haltung der Menschen, vor allem aber in dem besonderen Licht. Vermeers Maltechnik war revolutionär. Schon Zeitgenossen bewunderten das Spiel von Licht und Schatten, gespickt mit winzigen Reflexionen, die uns an Fotografien erinnern. Diese außergewöhnliche Technik lässt Forscher bis heute rätseln, ob und welche technischen Hilfsmittel Vermeer verwendet hat, um seine Motive „neu Sehen“ zu lernen.

Wolfgang Beltracchi im ZOTT Artspace in München. Nach einem Monat Planung steht das Raummodell des Ateliers in Vermeers Haus. Beltracchi experimentiert mit einer Abwandlung der Camera Obscura – ein technisches Hilfsmittel, das Vermeer benutzt haben könnte.

Fünf Fakten – das Goldene Zeitalter

Von der wirtschaftlichen Blütezeit der jungen Republik der Niederlande profitierten die Künste in beispiellosem Ausmaß. Mitte des 17. Jahrhunderts sollen jährlich mehrere zigtausend Werke auf den Markt gespült worden sein. Obwohl nur noch rund zehn Prozent davon existieren, sind die Niederländer in fast allen Museen mit alter Kunst vertreten.

1. Erfolg ganz plastisch
Das goldene Zeitalter bringt Händler, Kaufleute, Handwerker, Bauern zu Wohlstand. Ihren Status wollen sie in der Kunst entdecken. Die Darstellung der alltäglichen Welt, insbesondere der des Bürgertums, rückt in den Fokus.

2. Täuschend echt
Rembrandt, Vermeer oder van der Spelt messen ihre Fähigkeiten an der Realitätsnähe ihrer Gemälde – ganz nach dem berühmten Vorbild der Antike: Damals setze sich Parrhasius mit einem täuschend echt gemalten Vorhang als besserer Maler gegenüber seinem Widersacher Zeuxis durch. Rembrandt wiederholt die Täuschung in „Die heilige Familie mit Vorhang“.

3. Räume schaffen
In der Anwendung der Perspektive zeigt sich ein Erbe der Renaissance. Durch starke Verkürzungen erhöhen die Maler jetzt die Tiefenwirkung und weiten die Bildräume aus. Diese Methode wird nicht nur auf Landschaftsmotive angewendet, sondern auch auf Ateliers, Stuben, Innenhöfe oder Festtagssäle.

4. Heimatliebe
1648 errangen die Niederlande die bitter erkämpfte Unabhängigkeit von der spanischen Krone. Die patriotischen Gefühle der Künstler schlagen sich in einem Faible für die Malerei unverkennbar niederländischer Landschaften nieder.

5. Nischenleben
Weniger namhaften Maler suchen ihr Glück mit einem Spezialgebiet. Neben der typischen Landschafts- oder Porträtmalerei setzt manch einer auch auf ausgefallene Nischen, wie z.B. Fischstilleben.

Die Nachtwache, Rembrandt van Rijn, 1642 (1)

Der Astronom, Johannes Vermeer, 1688 (2)

Stilleben mit Truthahnpastete, 1627, Pieter Claesz (3)

EINE ZEITREISE DURCH DIE KUNSTGESCHICHTE

1: Die Nachtwache, Rembrandt van Rijn, 1642 © Renato Granieri /Alamy Stock Foto
2: The Astronomer, Johannes Vermeer, 1668 © FineArt/Alamy Stock Photo
3: Still Life with Turkey Pie, Pieter Claesz, 1627 © Heritage Image Partnership Ltd/Alamy Stock Photo
a: Lucas Cranach d. Ä. „Ungleiches Paar (Der alte Buhler)“. © bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlungen
b: Franz Marc „Ställe“ 1913. © bpk / The Solomon R. Guggenheim Foundation / Art Resource, NY
c: Gustav Klimt „Portrait of Adele Bloch-Bauer I” 1907. © John Baran / Alamy Stock Foto.
d: Detail aus „The oldest known icon of Christ, 6-7th C“ © www.BibleLandPictures.com/Alamy Stock Foto
e: Ausschnitt aus Hendrick Avercamp: Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern, ca. 1608 © Peter Horree / Alamy Stock Photo
f: Ausschnitt aus William Turner, The Burning of the Houses of Parliament, 1834 © World History Archive / Alamy Stock Photo
g: Ausschnitt aus Caspar David Friedrich, Wanderer im Nebelmeer, 1818. © Pictorial Press Ltd / Alamy Stock Photo
h: Ausschnitt aus Jan Vermeer „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“, 1557 © Archivart / Alamy Stock Photo