Tränensäcke und Doppelkinn

Deutsche Renaissance

Lucas Cranach d. Ä., „Das ungleiche Paar “ (1)

15. und 16. Jahrhundert

Deutsche Renaissance – und Cranach malt für die Reformation

Das Zeitalter der Renaissance hält Europa fast zwei Jahrhunderte lang in Atem. Die Rückbesinnung auf die antiken Philosophen und die intensive Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst, stellen das gesamte Weltbild infrage. Kopernikus rückt die Sonne in die Mitte unseres Planetensystems, Columbus entdeckt Amerika, Gutenberg erfindet den Buchdruck und Martin Luther reformiert die Kirche.

Die Suche nach Erkenntnis und Wahrheit hinterlässt auch auf der Leinwand Spuren. In den Werkstätten deutscher Maler wie Albrecht Dürer, Lucas Cranach oder Hans Baldung entstehen neue Techniken für eine naturgetreue Darstellung ihrer Motive. Realistische Porträts, naturgetreue Proportionen und die Zentralperspektive kennzeichnen die Werke der deutschen Renaissance.

Wolfgang Beltracchi im März 2017 in seinem Atelier in Montpellier. Nachdem er den Bildaufbau und die Technik von Lucas Cranach d. Ä. genau studiert hat, malt er in seiner Handschrift.

Ein Gedenkstein in Stotternheim bei Erfurt erinnert an die entscheidende Wende im Leben Martin Luthers. Hier hat er sich als junger Jurastudent am 2. Juli 1505 in seiner Todesangst vor einem Gewitter der Kirche versprochen (Bild links)

In Vorarbeiten für das Gemälde in der Handschrift von Lucas Cranach d. Ä., skizziert Wolfgang Beltracchi den flehenden Gestus, in dem Lucas Cranach d. Ä. den späteren Reformator hätte malen können (Bild rechts)

Schnell, schneller, Cranach

Die Cranach-Werkstatt war eine wahre Bilderfabrik der Reformation. Doch das legendäre Gewittererlebnis Martin Luthers hatte sie nicht zum Bild verarbeitet. Wolfgang Beltracchi zeigt, wie es hätte aussehen können. Der „Schnellmaler“ Cranach hatte eine höchst effiziente Technik entwickelt. Wiesen und Wälder grundierte er dunkel und schuf mit höchstens ein bis drei Farben formgebende Konturen. Inkarnate wurden sehr hell grundiert, mit einem Hautton überzogen und dann mit Licht und Schatten modelliert. Die Beschaffenheit des Pinsels half ihm, gestupft oder gestrichen, unterschiedliche Oberflächen darzustellen. Cranach arbeitete sich meist vom Zentrum an die Peripherie des Bildes vor. Zuletzt aber setzte er Licht und Schatten auf die Gesichter. An einem aufwendig wirkenden Gemälde malte er in der Regel nur wenige Wochen.

Fünf Fakten

Die deutsche Renaissance
Albrecht Dürer und Lucas Cranach d. Ä. sind die Galionsfiguren der Deutsche Renaissance. Auch Hans Baldung sowie die Donauschule prägten die deutsche Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts.

1. MUT ZUR WAHRHEIT
Die naturgetreue Abbildung des Menschen steht im Mittelpunkt der deutschen Renaissance-Malerei. Nichts wird mehr beschönigt: hängende Brüste, dümmlicher Gesichtsausdruck, fahle Haut – Hauptsache nah an der Realität.

2. IN DEN RICHTIGEN PROPORTIONEN
Mit seinem unnachgiebigen Streben nach Realitätsnähe setzt Albrecht Dürer neue Maßstäbe in der Verhältnismäßigkeit der Formen. In seinem schriftlichen Hauptwerk „Vier Bücher von menschlicher Proportion“ stellt er seine naturalistischen, systematischen Untersuchungen des menschlichen Körpers vor. Durch den noch jungen Buchdruck verbreiten sie sich schnell in der europäischen Kunstszene.

3. BEDEUTUNGSVOLL
Die deutsche Renaissance ist noch stark der Symbolik verhaftet, wie wir sie aus der Gotik kennen. So steht der Mantel für Schutz, Nelken für die Passion Christi, eine Frucht für die Überwindung der Erbsünde, Eichhörnchen und Fuchs als Begleiter des Teufels für das Böse – die Liste der verwendeten Sinnbilder ist lang.

4. PERSPEKTIVISCH
Auch in der deutschen Renaissance erobert die Fluchtpunkt-Perspektive die Malerei. Eingeführt von niederländischen und italienischen Malern gehört sie bald auch für die deutschen Vertreter zum Handwerkszeug.

5. PRODUKTIV
Die Renaissance-Maler sind produktiv. Allein Dürer erstellt etwa 90 Gemälde, 100 Stiche, 300 Holzschnitte und 400 Buchillustrationen. Uneinholbar für seine Zeit: Lucas Crananch d. Ä.. Rund 5.000 Werke sollen in seiner Werkstatt entstanden sein – mit Unterstützung der Gesellen, die durch eine leicht erlernbare Tupftechnik keine eigene Handschrift hinterlassen.

Hans Baldung „Die sieben Lebensalter des Weibes“ (2)

Albrecht Dürer “Proportionsstudie einer nackten Frau mit Schild” (3)

Lucas Cranach d. Ä. „Martin Luther in Amtstracht des evangelischen Geistlichen“ (4)

Bildquellen:

1: Lucas Cranach d. Ä. „Ungleiches Paar (Der alte Buhler)“. © bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlungen
2: Hans Baldung „Die sieben Lebensalter des Weibes“. © bpk | Museum der bildenden Künste, Leipzig | Ursula Gerstenberger
3: Albrecht Dürer “Proportionsstudie einer nackten Frau mit Schild”, ca. 1500. © bpk | Kupferstichkabinett, SMB / Jörg P. Anders
4: Lucas Cranach d. Ä. „Martin Luther in Amtstracht des evangelischen Geistlichen“. © bpk / Deutsches Historisches Museum / Sebastian Ahler
a: Lucas Cranach d. Ä. „Ungleiches Paar (Der alte Buhler)“. © bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlungen
b: Franz Marc „Ställe“ 1913. © bpk / The Solomon R. Guggenheim Foundation / Art Resource, NY
c: Gustav Klimt „Portrait of Adele Bloch-Bauer I” 1907.  © John Baran / Alamy Stock Foto.
d: Detail aus „The oldest known icon of Christ, 6-7th C“ © www.BibleLandPictures.com/Alamy Stock Foto
e: Ausschnitt aus Hendrick Avercamp: Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern, ca. 1608 © Peter Horree / Alamy Stock Photo
f: Ausschnitt aus William Turner, The Burning of the Houses of Parliament, 1834 © World History Archive / Alamy Stock Photo