Getanzte Bilder

Ballets Russes

Wolfgang Beltracchis Werk „Scheherazade“ (2017) zitiert das gleichnamige Ballett, das bei der Uraufführung 1910 in Paris mit seiner neuen Lebendigkeit einer Sensation gleichkam. (Foto Beltracchi)

1909 – 1929

Ballets Russes – alle Künstler auf die Bühne

Der russische Intendant Sergei Djagilew gründete 1909 in Paris, dem Zentrum der Tanzkunst, das Ballettensemble, das sich als das bedeutendste des 20. Jahrhunderts erweisen sollte. Die Ballets Russes gelten bis heute als die Avantgarde des Tanzes und beeinflussten maßgeblich ihre Zeitgenossen. Vertreter der Bereiche Musik, Tanz, Theater und bildender Kunst tauschten ihre Ideen und Fähigkeiten intensiv aus. Maler schufen nicht nur Bühnenbilder und Kostüme für das Ballett, sondern ließen sich auch in ihren eigenen Gemälden von den Ballets Russes inspirieren. Dabei war es ganz gleich, welcher Stilrichtung sie angehörten – ob Primitivismus, Surrealismus, Futurismus, Kubismus, Fauvismus – die Ballets Russes faszinierten sie gleichermaßen.

„Die Jugendlichen“ in dem Ballett „Frühlingsweihe“ zuckten, stampften und hüpften zu der rhythmischen Musik von Igor Strawinsky. Der kubistische Tanzstil war für das Pariser Publikum nicht nur befremdlich, sondern eine Katastrophe. Doch selbst die vernichtenden Kritiken konnten die Avantgardebewegung Ballets Russes nicht mehr aufhalten. (1)

Fünf Fakten – Die Balletts Russes

Das russische Ballettensemble Ballets Russes bindet als übergreifendendes, fast gesellschaftliches Phänomen, die verschiedensten Künste ein. So verpflichtet Gründer Sergei Djagilew namhafte internationale Künstler wie Michail Larinow, Natalija Gontscharowa, Henri Matisse, Léon Bakst, Igor Stavinsky, Pablo Picasso oder Wassily Kandinsky für seine Inszenierungen. Es entsteht eine genreübergreifende Kunstszene, deren Protagonisten sich gegenseitig inspirieren.

1. REVOLUTION AUS RUSSLAND
Ausgehend von Russland hatte sich das Ballett Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Korsett der Oper befreit und als klassisches, romantisches Ballett weltweit Ruhm und Anerkennung erlangt. Nun, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, treibt mit Sergei Djagilev wieder ein Russe den epochalen Wandel voran. Der Ausdruckstanz bricht mit den Traditionen des klassischen Balletts und bildet mit den Balletts Russes eine Avantgarde, die wir kurz vorher schon in der Malerei beobachten konnten.

2. ALLE WEGE FÜHREN NACH PARIS
Die Kultur- und Kunstszene trifft sich Anfang des 20. Jahrhundert in Paris. Freigeister wie Picasso, Gertrud Stein, Hemingway oder Strawinsky leben in Frankreich fast Tür an Tür. Neben der Literatur findet die gegenseitige Inspiration vor allem in der Malerei statt und das öffentliche Aufeinandertreffen ihrer unterschiedlichen Stile spiegelt sich in den wechselnden Ausstattungen von Kostüm und Bühnenbild der Balletts Russes wieder.

3. SINNLICHE EKSTASE
Die Inszenierung „Nachmittag eines Fauns“ von Claude Debussy ist für das Pariser Publikum 1912 ein Schock: Nijinsky hat die Choreografie selbst geschrieben und übernimmt die Rolle des Fauns. Unverblümt und selbstverliebt macht er darin überdeutliche sexuelle Anspielungen und löste eine Debatte um den ästhetischen Wert der Tanzkunst aus.

4. EIN HAUCH VON CHANEL
Nicht nur Maler, sondern auch andere Künstler, darunter die Modedesignerin Coco Chanel, kreieren Kostüme für die Ballets Russes. Neben ihren Zeitgenossen fiel die Stilikone wegen ihrer eleganten, aber doch eher zurückhaltenden Entwürfe auf. Die schönsten und wichtigsten Kostüme für das Ballets Russes wurden von Leon Bakst entworfen.

5. VIEL LÄRM UM NICHTS?
Die Balletts Russes revolutionieren auch die Musik. Der Komponist Igor Strawinsky schockiert das Publikum mit „Le Sacre du Printemps“ erstmals mit Dissonanzen, Taktwechseln und starken Rhythmen, die die rückartigen und scheinbar ungelenken Bewegungen der Tänzer begleiten. Das Publikum quittiert es mit wütenden Zwischenrufen, Pfiffen und provokativem Gelächter. Nach Schlägereien zwischen Befürwortern und Gegnern zählt der Abend 27 Verletzte – so bewegte der Vorstoß das an feine Töne gewöhnte Pariser Publikum.

1909 holte Impresario Djagilew den Tänzer Nijinsky in sein Ballettensemble und nannte es erstmals Ballets Russes. Die Eröffnung in Paris mit verschiedenen populären Tänzen war ein voller Erfolg. (2)

Eine Bühne für die schönen Künste: Der russische Impressario Sergei Diaghilev engagierte für seine Stücke die Elite aus Musik, russischem Tanz und Malerei. (Foto Beltracchi)

Keine Avantgarde ohne Skandal: Das Stück „Le Sacre du Printemps“ endete in Buhrufen und musste zeitweise unterbrochen werden. (Foto Beltracchi)

Bildquellen:

1: Igor STRAVINSKY ballet – Rite of Spring / Sacre du Printemps © Music-Images /Alamy Stock Foto
2: VASLAV NIJINKSY (1890-1950). © Granger Historical Picture Archive / Alamy Stock Photo
a: Lucas Cranach the Elder „Ungleiches Paar (Der alte Buhler)“. © bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlungen
b: Franz Marc „Ställe“ 1913. © bpk / The Solomon R. Guggenheim Foundation / Art Resource, NY
c: Gustav Klimt „Portrait of Adele Bloch-Bauer I” 1907.  © John Baran / Alamy Stock Foto.
d: Detail aus „The oldest known icon of Christ, 6-7th C“ © www.BibleLandPictures.com/Alamy Stock Foto
e: Ausschnitt aus Hendrick Avercamp: Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern, ca. 1608 © Peter Horree / Alamy Stock Photo
f: Ausschnitt aus William Turner, The Burning of the Houses of Parliament, 1834 © World History Archive / Alamy Stock Photo