Ein Streifzug durch 2000 Jahre europäische Kunst

Kunst verstehen

Wolfgang Beltracchi malt „Eden“ 2017 in seinem Atelier in Südfrankreich

Auf den Spuren großer Meister

Botticelli, Vermeer, Picasso – ihre Gemälde begeistern bis heute und wecken die Neugier auf die Denkweise und Techniken der großen Meister. Wie malte der geniale Revoluzzer Caravaggio? Wie konzipierte Max Beckmann seine schonungslos gezeichneten Figuren und Szenen? Mit dem Projekt „KAIROS. Der richtige Moment“ unternimmt ZOTT Artspace eine Zeitreise durch 2000 Jahre europäische Kunstgeschichte.

Skizzen und Detailaufnahmen von Wolfgang Beltracchi in seinem Atelier in Montpellier Anfang 2017. Beltracchi arbeitet hier an „Eden“, einem Gemälde in der Handschrift von Max Beckmann.

Epochen lebendig nachvollziehbar

Mit einem „Kunstgriff“ macht ZOTT Artspace die Malweise großer Meister erlebbar. Der zeitgenössische Künstler Wolfgang Beltracchi malt für das Projekt „KAIROS. Der richtige Moment“ Gemälde in der Handschrift längst verstorbener Künstler. Besucher des ZOTT Artspace schauen dem Meister fremder Handschriften dabei buchstäblich über die Schulter – und erhalten die Gelegenheit, den Schaffensprozess von Lichtgestalten der europäischen Malerei unmittelbar nachzuvollziehen. Für die jeweiligen Bildmotive hat ZOTT Artspace gesellschafts- und kulturgeschichtlich relevante Momente aus der Antike bis hin zur Moderne identifiziert, die nie gemalt wurden. Jetzt werden sie zu Gemälden, die Geschichte in ihren künstlerischen Kontext setzen. Die Gemälde von Wolfgang Beltracchi werden ab Oktober 2018 in der Ausstellung „KAIROS. Der richtige Moment“ präsentiert.

 

EINE ZEITREISE DURCH DIE KUNSTGESCHICHTE

Was uns Kunst heute gibt, ist ohne die Vergangenheit kaum verständlich. Der Blick auf die Motive und Ziele der Maler, auf die Machtverhältnisse ihrer Zeit und die Entwicklung ihrer technischen Fähigkeiten, hilft uns ein Werk anders zu entdecken. Jede Epoche wird kompakt vorgestellt. Die Malweise eines herausragenden Künstlers wird nachträglich erlebbar.

Mauro Fiorese im Archiv des Museo di Castelvecchio in Verona. Für seine Serie „Treasure Rooms“ fotografierte der Künstler die Depots zahlreicher bedeutender Museen.

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Interview

„Für mich ist es Adrenalin“

Mauro Fiorese (1970 – 2016) zählt international zu den meist beachteten Fotografen unserer Zeit. Zu seinen letzten Arbeiten zählte die Serie Treasure Rooms, die das Projekt „KAIROS. Der richtige Moment“ wesentlich mitbegründet.

Der Künstler Mauro Fiorese im Gespräch über seine Arbeiten für das Projekt „Kairos. Der richtige Moment“ – und über ein ungewöhnliches Team.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Depots großer Museen zu fotografieren?
Eine solche Idee kommt natürlich nicht wie eine plötzliche, unvorhergesehene Erleuchtung. Sie hat sich eher Schritt für Schritt entwickelt. Der Funke kam mir in meinem Studio während eines Gesprächs mit Freunden, als wir vor einer meiner Produktionen standen und zu diskutieren begannen. Wir sprachen über die Unterschiedlichkeit und die enorme Menge an Kunstwerken, die unsere Vorfahren in Italien erschaffen hatten, die aber leider dem Großteil der Menschen verborgen bleiben. Aus diesem Gespräch entstand dann schließlich die Idee zu den Treasure Rooms.

Was war die größte Herausforderung? Wie haben Sie Zugang zu den Museumsdepots zu erhalten?
Der Zugang zu den Museen ist mit einem guten Team im Rücken eigentlich eine sehr einfache Sache. Ich hatte das Glück, dass meine Galerie mich gegenüber der Bürokratie, einem gewissen Misstrauen und in praktischen Fragen unterstützt hat. Die größte Herausforderung war, diese Orte mit einer enormen Zahl an Werken im Vergleich dazu, was tatsächlich in den Museen zu sehen ist, zu verstehen und über sie zu berichten. Aber nicht wie ein Journalist. Vielmehr ging es mir darum, den Geist und die Würde dieser Orte wiederzugeben. Dazu suchte ich einen sehr persönlichen Ansatz.

 Wie sind Sie vorgegangen?
Ich habe die Dinge nicht arrangiert, sondern mich selbst positioniert, um die Atmosphäre dieser sonst unzugänglichen Orte mit ihrer speziellen Aura einzufangen. Das Konzept geht dabei weit über die Fotografie hinaus. Nicht umsonst haben wir das fotografische Bild, das eine zeitgenössische Kunstform ist, in einen universellen Bilderrahmen gesetzt, einen sagen wir flämischen Rahmen mit Messingschild. Wie ein Behälter, der an den Ort erinnert, den niemand sehen kann.

Im Rahmen von „KAIROS. Der richtige Moment“ werden die Treasure Rooms mit Gemälden von Wolfgang Beltracchi ausgestellt. Worin liegt der Reiz der Zusammenarbeit?
Als mein Freund Christian (Zott) das Projekt und die Kooperation erdachte, kannte ich von Wolfgang Beltracchi nur den Namen, einige Bilder und Interviews. Ich habe viel Jahre in der Academia Belle Arti unterrichtet. Seine Fähigkeit, technisch gesehen nahezu jeden künstlerischen Stil jeder Epoche reproduzieren zu können, finde ich unglaublich. Sich jedoch ein neues Bild im Stil eines bestimmten Künstlers oder einer Bewegung auszudenken, das kann nur er. Als wir drei uns zum ersten Mal getroffen haben, war es außergewöhnlich. Für mich ist es Adrenalin: die Freiheit an der Idee arbeiten zu können, das Glück, mit Menschen zu arbeiten, mit denen ich die Ideen beim Abendessen diskutiere, wir uns gegenseitig inspirieren – und wenn du denkst, du hast alles versiebt, gemeinsam von vorne zu starten. Im Leben eines Künstlers ist es selten so, dass er viele Möglichkeiten dieser Art vorfindet.

 

 

Bildquellen:

1: August Macke, „Mädchen unter Bäumen“, 1914. © bpk | Bayerische Staatsgemäldesammlungen
a: Lucas Cranach d. Ä. „Ungleiches Paar (Der alte Buhler)“. © bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlungen
b: Franz Marc „Ställe“ 1913. © bpk / The Solomon R. Guggenheim Foundation / Art Resource, NY